Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen.

In einer Yogastunde geschieht manchmal etwas Merkwürdiges: Der Blick wandert zur Nachbarmatte. Wie tief geht sie in die Vorwärtsbeuge? Wie mühelos hält sie die Balance? Bevor man es merkt, ist man nicht mehr bei sich, sondern beim Vergleich.

Ich kenne diesen Moment. Und ich kenne die Fragen, die er auslöst: Warum übe ich Yoga eigentlich? Was erhoffe ich mir davon? Was bleibt von meiner Vorstellung von Yoga übrig, wenn ich den körperlichen Aspekt weglasse?

Diese Fragen haben mich vor allem am Anfang meines Yogawegs beschäftigt. Inzwischen unterrichte ich seit über zehn Jahren und die Antworten haben sich mit der Zeit ganz von selbst geklärt. Ich bin überzeugt, dass es auf die Frage nach dem Warum keine allgemeingültige Antwort gibt, sondern eine persönliche, die sich mit der Zeit und mit der Praxis zeigt. Als Yogalehrerin stehe ich nicht mehr auf der Matte, um mich zu präsentieren. Ich bin dort, um einen Raum zu öffnen für das, was bei jedem Menschen möglich und stimmig ist.

Sriram schreibt in seinem Buch „Yoga. Neun Schritte in die Freiheit": Wir üben im Alltag oft Gewalt auf unseren Körper aus, wir missachten ihn, überhören ihn. Der Schreibtisch, der Alltag, die Anforderungen: Der Körper passt sich an, bis er sich irgendwann bemerkbar macht. Yoga bietet die Möglichkeit, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Nicht durch Leistung, sondern durch Aufmerksamkeit. Nicht durch Perfektion, sondern durch freundliche Zuwendung.

Das bedeutet auch: Nicht jede Haltung ist für jeden Menschen sinnvoll. Yoga passt sich an den Menschen an, nicht umgekehrt. Und das, was du auf der Matte übst, trägt sich in den Alltag hinein: der achtsame Umgang mit dir selbst, das Gespür für Grenzen, die Bereitschaft, innezuhalten.

Francois Lelord schreibt in „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück" als erste Lektion: Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen. Ich musste beim Lesen sofort an die Yogamatte denken. Denn dort, wo der Vergleich endet, beginnt die eigentliche Praxis.