Es könnte so einfach sein

Beim letzten Mindful Friday von Pierre Khawand hatte ich erzählt, dass ich zurzeit mit meiner morgendlichen Yogaroutine kämpfe. Mein Tag startet mit einer Debatte: Mache ich Yoga oder nicht? Nur meditieren? Sanfte Bewegungen? Es ist schon nach 7 Uhr, jetzt ist es eh zu spät. Morgen wieder. Du weißt doch, dass dir das nicht gut tut…

Pierre sagte etwas, das für mich wie ein Neueinstieg war. Ich würde es übersetzen mit: „Freunde dich mit dir selbst an.“ Das Schöne daran: es funktioniert. Die Idee ist einladend, und sie sagt gleichzeitig etwas über den Zustand aus, in den ich komme, wenn ich es tue.

Susanne Khawand, die sich in den buddhistischen Lehren auskennt, ergänzte etwas, das genauso treffend war: Im Buddhismus würde man sagen, hör auf zu debattieren. Es kann so einfach sein.

Ich nehme beides mit nach Hause. Nicht als Aufgabe, sondern als Einladung. Denn genau dieses morgendliche Hin und Her, dieser innere Kommentar, der sich zwischen Wollen und Nicht-Wollen bewegt, ist das, womit das Yogasutra des Patanjali sich seit mehr als zweitausend Jahren beschäftigt.

Meditation-Pratyahara-Heike

Das Yogasutra des Patanjali

Sutra bedeutet Faden. Das Yogasutra ist ein Leitfaden, 195 knapp formulierte Lehrsätze, in vier Kapiteln angeordnet und aufeinander aufbauend. Die Kürze der einzelnen Sätze diente ursprünglich dem Auswendiglernen, macht aber auch deutlich: Ohne Erläuterung und ohne den Austausch mit einer erfahrenen Lehrperson erschließt sich der Text nicht von selbst. T. K. V. Desikachar soll das Yogasutra siebenmal mit seinem Vater und Lehrer T. Krishnamacharya durchgegangen sein, Sutra für Sutra. Diese Art des Studiums, langsam, wiederholend, im Gespräch, prägt bis heute, wie der Text in dieser Tradition weitergegeben wird, unter anderem durch Desikachars Schüler R. Sriram.

Im Zentrum des Yogasutra steht unser Geist-Gemüt-Komplex, im Sanskrit citta genannt. Es geht darum, citta zu verstehen und mit ihm arbeiten zu lernen, damit wir im Alltag klarer handeln und künftiges Leid vermeiden können. Dieser Weg verläuft bei jedem Menschen unterschiedlich. Deshalb ist das Yogasutra in vier Kapitel gegliedert, die unterschiedlichen Stufen auf diesem Weg entsprechen.

Die vier Kapitel

Das erste Kapitel, Samadhipada, beschreibt, was Yoga überhaupt ist und welche Qualitäten unser Geist annehmen kann. Hier findet sich auch das zweite Sutra, yogascittavrittinirodhaha. Es wird oft mit „zur Ruhe kommen der Bewegungen im Geist“ übersetzt, eine Formulierung, die in die Irre führen kann. Desikachar weist ausdrücklich darauf hin, dass es nicht um einen inaktiven, leeren Geist geht, sondern um einen kontrollierten, ausgerichteten Geist. Yoga ist die Fähigkeit, sich auf einen Gegenstand auszurichten und in dieser Ausrichtung ohne Ablenkung zu verweilen. Der Geist bleibt dabei lebendig und wach, nur seine Zerstreuung kommt zur Ruhe. Susannes Satz fällt mir wieder ein: Hör auf zu debattieren. Es ist dieselbe Idee, nur zweitausend Jahre älter.

Das zweite Kapitel, Sadhanapada, wendet sich der Praxis zu und beantwortet die Frage, warum es sich lohnt, diesen Weg zu gehen. Patanjali beschreibt hier, wie Leid entsteht, und stellt den achtgliedrigen Pfad vor, der von unserem Verhalten gegenüber der Umwelt und uns selbst über Körper- und Atemübungen bis zur Umkehr der Sinne nach innen führt. Genau dort, an dieser Stelle des Weges, halten wir inne: bei Pratyahara, dem fünften Glied.

Das dritte Kapitel, Vibhutipada, beschreibt, was mit vertiefter Konzentration und Meditation einhergehen kann. Das vierte Kapitel, Kaivalyapada, richtet den Blick auf die endgültige Freiheit, kaivalya, den Zustand, in dem der Geist ganz zu sich selbst gefunden hat.

Vier Kapitel, ein gemeinsamer roter Faden: das Verstehen und Gestalten unseres Geistes, damit wir mit mehr Klarheit und innerem Frieden durch unseren Alltag gehen.

Pratyahara: die Brücke nach innen

Das Wort Pratyahara setzt sich aus prati und ahara zusammen. Ahara bedeutet Nahrung, das, wovon wir uns nähren. Prati bedeutet weg, gegen. Pratyahara ist der Rückzug von dem, was die Sinne nährt, von allem, was von außen auf uns einströmt und nach unserer Aufmerksamkeit greift.

Patanjali beschreibt es in Sutra 2.54 so: Wenn der Geist seine gewählte Richtung hält, folgen die Sinne ihm, ohne sich ihren gewohnten Objekten zuzuwenden. Das ist Pratyahara.

Was das bedeutet, ist fein und wichtig. Es geht nicht darum, die Sinne abzuschneiden, zu unterdrücken oder die Außenwelt wegzusperren. Der Geist nimmt die Reize noch wahr. Aber er folgt ihnen nicht automatisch. Die Sinne nehmen die Qualität des Geistes an. Wenn der Geist ausgerichtet und ruhig ist, ziehen sie sich mit ihm nach innen zurück. Desikachar beschreibt es so: Pratyahara geschieht, wenn der Geist seine gewählte Richtung beibehält und die Sinne sich nicht mit den Objekten verbinden wie gewöhnlich.

Ein Punkt ist dabei wichtig: Pratyahara lässt sich nicht herstellen. Es ist kein Griff, den wir an unseren Sinnen ansetzen, sondern ein Zustand, der sich einstellt, wenn der Geist so sehr mit etwas anderem beschäftigt ist, dass die gewohnten Reize keine Nahrung mehr finden. Wer im Pranayama ganz beim Atem ist, kennt das: Irgendwann nehmen wir das Fenster nicht mehr wahr, nicht das Geräusch von draußen, nicht weil wir es uns vorgenommen haben, sondern weil der Geist woanders ist. Pratyahara entsteht so fast nebenbei, als Folge von Vertiefung, nicht als eigene Übung.

Das Bild einer Schildkröte, die ihre Glieder in den Panzer zieht, kommt aus dieser Tradition. Nicht weil sie aufhört zu existieren, sondern weil sie nach innen findet.

Pratyahara ist die Brücke zwischen dem äußeren und dem inneren Übungsweg. Die ersten vier Glieder des achtgliedrigen Pfades, Yama, Niyama, Asana und Pranayama, arbeiten nach außen hin, in unsere Beziehungen, unseren Körper, unseren Atem. Die letzten drei Glieder, Dharana, Dhyana und Samadhi, sind vollständig nach innen gewandt. Pratyahara ist der Übergang. Ohne ihn fehlt das Bindeglied.

Zurück zum Morgen

Das morgendliche Hin und Her ist das Gegenteil von Pratyahara: ein Geist, der sich von Gedanken zu Gedanken ziehen lässt, und Sinne, die folgen, die nach Gründen suchen, nach Bestätigung, nach dem bequemeren Weg. Die Debatte ist nicht böse. Sie ist der Normalzustand des Geistes, das, was Patanjali die gewöhnlichen Bewegungen nennt.

Pratyahara lässt sich in dieser Debatte nicht herbeiführen. Es entsteht, wenn der Geist woanders so ganz da ist, dass die Debatte ihre Nahrung von selbst verliert. Nicht durch Willenskraft. Nicht durch Selbstdisziplin, die sich anfühlt wie ein enger Gürtel. Susannes Satz wirkt in diese Richtung: Hör auf zu debattieren. Das ist kein Befehl an die Sinne. Es ist eine Einladung, die Aufmerksamkeit dorthin zu legen, wo sie sich von selbst festmachen kann.

Pierre hat es noch sanfter gesagt: Freunde dich mit dir selbst an. Das ist noch nicht Pratyahara selbst, aber der Boden, auf dem es entstehen kann: eine Hinwendung, die den Geist so sehr bindet, dass die Sinne ihm folgen, ohne dass wir es erzwingen.

Es braucht keine großen Schritte dafür. Manchmal reicht ein Atemzug, der uns ganz für sich beansprucht. Manchmal ist es die Entscheidung, dem ersten Gedanken nicht zu folgen, der sagt: Jetzt ist es eh zu spät. Nicht damit wir Pratyahara herstellen, sondern damit der Geist die Freiheit hat, sich woanders niederzulassen. Der Rückzug der Sinne kommt dann von selbst.

Es könnte so einfach sein.

Quellen: T. K. V. Desikachar, Yoga – Tradition und Erfahrung. T. K. V. Desikachar, Über Freiheit und Meditation – Das Yoga Sûtra des Patañjali (Via Nova). R. Sriram, Das Yogasutra – Von der Erkenntnis zur Befreiung (Theseus, 2006).